Was ist Akademische Reitkunst?

 

Historisches..

Die Akademische Reitkunst steht formell für das Reiten in der Renaissancezeit, sprich das Reiten wie es zu dieser Zeit an den Fürstlichen Höfen und Reitakademien unterrichtet wurde. Neben der Reitkunst gehörten u.a. auch das Fechten und die Tanzausbildung zum Studium der jungen Fürsten. Die Reitkunst war damals eine Kriegskunst und es galt, Reiter und Pferd so auszubilden, dass sie im Kampf eine breite Palette an Werkzeugen (schnelle Richtungswechsel, Tempo, Schulsprünge) zur Verfügung hatten, um den Gegner abzuwehren. Zu dieser Zeit waren es vor allem die Lehren von Pluvinel und später François Robichon de la Guérinière, welche eine gewaltfreie Ausbildung von Pferd und Reiter anstrebten. Sie bildeten an den Höfen auch diejenigen Pferde aus, die ihnen für ihre Aufgabe als Reitpferd zunächst nicht sehr talentiert erschienen, was zu dieser Zeit eine absolut neue Ansicht war. Sie verfolgten also bereits den Gedanken, nicht nur die natürlichen Fähigkeiten des Pferdes als solche zu nutzen, sondern sie darüber hinaus auch zu verbessern.

 

Wir sollten besorgt sein, das Pferd nicht zu verdrießen und seine natürliche Anmut zu erhalten, sie gleicht dem Blütenduft der Früchte, der niemals wiederkehrt, wenn er einmal verflogen ist.“

(Pluvinel)

 

Im Laufe der Zeit rückten die Lehren und Grundsätze der alten Meister immer mehr in den Hintergrund und gingen teilweise sogar komplett verloren. Spätestens mit dem I. Weltkrieg benötigte man ein System, mit dem man Pferd und Reiter möglichst schnell und vor allem heerestauglich ausbilden konnte. Es wäre auch sehr unpraktisch gewesen, wenn einzelne Reiter eines Heeres auf einmal Schulsprünge gezeigt hätten, um Gegner abzuwehren. Ziel war es, möglichst eine grosse Kolonne von Reitern von A nach B zu bringen. Der Einsatz der Pferde im Krieg änderte sich und man benötigte die eigentliche Reitkunst nicht mehr.

 

Gegenwart…

Bent Branderup widmete sich in unserer Gegenwart wieder den altbewährten Grundsätzen und erweckte die etwas angestaubten Ideale zum neuen Leben. Zu seinen Quellen alten Wissens gehört die Literatur von Xenophon, Grisone, Pluvinel, Guérinière, Newcastle, Steinbrecht und zahlreicher anderer Autoren. Er liess jedoch nicht nur die Lehren der alten Meister wieder aufleben, sondern verknüpfte sie mit dem neuen Wissen unserer heutigen Zeit über Biomechanik, Pädogik und Lernverhalten.

 

Grundsätze der Akademischen Reitkunst...

 

«Die Dressur ist für das Pferd da, nicht das Pferd für die Dressur!»

 

Die Arbeit der Akademischen Reitkunst zielt darauf ab, in einem harmonischen Lernumfeld die natürlichen Bewegungen des Pferdes so zu schulen, dass es seiner Aufgabe als Reitpferd unbeschadet von Geist und Körper nachkommen kann. Dazu gehört nicht nur das muskuläre und physiologische Training von der Losgelassenheit über Tempo, Takt und Schwung bis hin zur Versammlung und hier insbesondere die Ausbildung der Hinterbeine zu vermehrter Hankenbeugung, sondern auch die Ausbildung eines offenen und empfänglichen Geistes. Das grösste Anliegen ist es jedoch, die gemeinsame Zeit mit dem Pferd schön zu verbringen.

 

Was ist der Unterschied zu anderen «Reitweisen?»

Wie bereits erwähnt, arbeiten wir nach den Leitbildern der «alten Meister». Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Reitsystemen ist die Ausbildung der Trag- statt Förderung der Schubkraft. Pferde besitzen von Natur aus Schubkraft, welche sie befähigt, sich vorwärts zu bewegen. Pferde grasen naturgemäss den Grossteil des Tages und schieben sich im gemächlichen Tempo nahezu ohne Energieaufwand über die Vorhand vorwärts. Ein Pferd ist nicht zum Tragen von Lasten konstruiert – es ist kein Reittier! Durch die unreflektierte Nutzung des Pferdes durch den Menschen wird es versuchen, das durch einen Reiter verursachte Ungleichgewicht zu kompensieren. Die Hinterbeine schieben in dieser "Schonhaltung" in der Folge vom Schwerpunkt weg, der Rumpf des Pferdes sinkt nach unten ab und die Vorderbeine werden rückständig. So wird es unmöglich, dass sich das Becken absenken, die Hanken sich beugen und so die Vorhand entlasten können. Körperliche Langzeitschäden sind so vorprogrammiert.

 

In der Akademischen Reitkunst bilden wir die Hinterhand des Pferdes so aus, dass es lernt, unter den Schwerpunkt zu fussen und die Hanken zu beugen, sich loszulassen und durch korrektes Benutzen der Bauch- und Rumpfmuskulatur den Reiter schadlos zu tragen.

 

«Reite nicht die Lektion, sondern deren Inhalt»

In der heutigen Dressurreiterei kann man oft beobachten, dass Lektionen nur der Lektionen wegen geritten werden, ohne Beachtung auf die korrekte Ausführung resp. physiologischen Ziele der einzelnen Übungen.

 

Stattdessen schafft man sich mit der Arbeit der alten Meister einen ganzen Werkzeugkoffer voller Hilfen und Lektionen, welche wir benutzen können, um unseren Pferden zu helfen in eine natürliche Balance zu kommen und ihre Schiefe auszugleichen. Sie sollen verstehen lernen, wie sie den Reiter in einer schönen Selbsthaltung gesund tragen können. Richtig gut sind wir dann, wenn die Pferde durch unsere Arbeit ihre natürlichen Bewegungen verbessern, sodass sie in ihrem kompletten Erscheinungsbild erhabener und leichtfüssiger werden. Wir fragen uns, WARUM reite ich eine bestimmte Lektion oder WELCHE Lektion kann dem Pferd in einer bestimmten Situation zu mehr Balance verhelfen?

 

Die Akademische «Ausbildungskala» (welche untrennbar miteinander verbunden ist):

 

Losgelassenheit

Form

Balance

Tempo

Takt

Schwung

 

Equipment und Hilfengebung

 

Für die Basisarbeit der Akademischen Reitkunst benötigt man einen gut passenden Kappzaum, einen (am Anfang nicht zu langen) Führstrick/Longe, der gut in der Hand liegt und eine genügend lange Gerte. Mit dieser Ausrüstung kann man das Pferd am Boden bis in die Hohe Schule ausbilden.

 

Kappzaum…

Der Vorteil der Arbeit mit dem Kappzaum ist seine direkte Einwirkung auf den Schädel. Mit Halfter oder Knotenhalfter werden die Hilfen beim Pferd nicht direkt und präzise ankommen und das Pferd muss entsprechend «rätseln», was der Mensch mit seiner Einwirkung gerade mitteilen wollte. Wir müssen den Pferden die Möglichkeit geben, auf unsere Fragen korrekt zu reagieren, was mit dem falschen Equipment erschwert wird. Das Longieren auf Trense verbietet sich bereits aus dem Grund, dass wir das empfindliche Maul schonen und nicht durch ungleichmässigen Zug und Druck abstumpfen wollen. Darüber hinaus wirkt das Gebiss zunächst auf die Zunge und Laden, über das Genick und dann erst auf den Schädel, woraus man erschliessen kann, dass eine Hilfe einen grossen Umweg nehmen muss, um dann richtig beim Pferd anzukommen.

 

Hilfengebung …

 

Primärhilfen

Körpersprache und –positionen am Boden

Sitz auf dem Pferd

 

Sekundärhilfen

Stimme, Gerte und Zügel am Boden und im Sattel

Schenkel

Handeinwirkung

 

Ziel ist es, alle Lektionen und Übungen nur mit der Primärhilfe, also dem Sitz oder der Körpersprache, auszuführen. Nur wenn das Pferd dieser Primärhilfe nicht nachkommt, weil es sie noch nicht gut genug versteht, setzen wir Sekundärhilfen, also die Stimme, die Gerte (fragend, nicht fordernd!) oder Zügelhilfen ein. Die Handeinwirkung, sprich die Einwirkung über das Gebiss / Zäumung, erfolgt immer als letzte Option.

 

 

Ausbildung am Boden und im Sattel

 

Unsere Arbeit mit den Pferden findet zu grossen Teilen am Boden statt. Warum?

 

Am Boden haben wir die Möglichkeit, ohne zusätzliche Belastung durch das Reitergewicht, dem Pferd eine bestimmte Formgebung vorzuschlagen. Zusätzliches Gewicht bedeutet immer auch Balanceverlust, den das Pferd zunächst ohne Reiter ausgleichen lernen muss.


Darüber hinaus ist es in der heutigen Zeit so, dass ungeschulte Pferde auf ungeschulte Reiter treffen. Zu Zeiten Pluvinels wurden ungeschulte Reiter auf geschulte Pferde gesetzt, um zunächst die richtigen Bewegungen zu erfühlen. Wie fühlt sich Balance an? Wie Versammlung? Auf ungeschulte Pferde wurden nur bereits fortgeschrittene Reiter gesetzt, die im Stande waren, die Pferde für die korrekten Reaktionen sofort zu loben. Unsere heutigen Pferde sind mit der Zucht zudem nicht einfacher zu reiten geworden; hatte man früher von Haus aus mehr auf das Tragen gezüchtete Pferde, hat man heute vermehrte Schubkraft durch den Einfluss von Fahr- und Rennpferden in der Zucht.

 

Durch die Arbeit am Boden hat der Mensch die Möglichkeit, das Pferd soweit auszubilden und sein Gefühl zu schulen, dass er im Sattel die entsprechenden Hilfen nur noch übertragen muss. Was am Boden nicht sitzt, kann im Sattel nicht verbessert werden.